Die Stadt hat geliefert – ich leider nicht!
Viel Stimmung, viel Sonne, schwere Beine und am Ende trotzdem ein weiterer Stern in der Sammlung. Der Chicago Marathon hatte einiges zu bieten – nur leider nicht die erhoffte Zeit.
Es war vermutlich mein zehnter Besuch in der Windy City. Chicago ist eine Stadt, die ich nicht nur beruflich immer wieder gerne besuche, sondern auch sportlich längst ins Herz geschlossen habe. Vor allem der Lakefront Trail direkt am Lake Michigan hat es mir angetan. Doch diesmal sollte es nicht nur eine Laufrunde am See sein: Ich wollte endlich den Chicago Marathon laufen! Aus mehreren Gründen: weil ich die Stadt liebe, weil ich ihre Straßen einmal laufend statt nur geschäftlich erkunden wollte – und natürlich, weil Chicago zu den großen Marathon Majors gehört. Ein weiterer Stern für meine Sammlung? Das wäre doch was!
Von der Business Class auf die Marathonstrecke
Die Anreise lief schon mal wie geschmiert: Mit etwas Glück gab es am Gate sogar ein kostenloses Upgrade in die Business Class. Kann man machen! Nach einer ersten Nacht nördlich von Chicago nutzte ich den Morgen für eine kleine Laufrunde. Anschließend ging es mit dem Fahrrad auf eine persönliche Filmreise zu den Häusern und der Kirche aus Kevin – Allein zu Haus, einem meiner Lieblingsfilme aus Kindertagen.
Danach stand der Wechsel ins Zentrum an: Hotel beziehen, Startunterlagen abholen und die Füße hochlegen. Am Samstag folgte noch der Abbott 5K Shakeout Run – die letzte lockere Aktivierung vor dem großen Tag. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich entspannt im Hotelzimmer, bevor es früh ins Bett ging.
Sportlich war die Ausgangslage allerdings nicht ganz so entspannt. Das Training lief insgesamt ordentlich, doch zwei bis drei Wochen vor dem Marathon hatte mich ausgerechnet bei einer wichtigen Einheit der Stecker gezogen. Auch die letzten Trainingswochen waren eher eine Mischung aus Licht und Schatten. Wo ich wirklich stand, wusste ich deshalb nicht. Die Vorfreude war trotzdem riesig!
55.000 Läufer, ein Tunnel und jede Menge Gänsehaut
Am Sonntag wurde es ernst. Bei einem Marathon dieser Größenordnung ist klar: Es wird voll. Trotzdem fand ich die Organisation rund um den Start erstaunlich gut. Ich stellte mich ganz hinten in meinem Startblock auf – auch, weil mir klar war, dass meine aktuelle Form vermutlich nicht zu dem ursprünglich angepeilten Tempo passte.
Dann fiel der Startschuss!
Und Chicago wäre nicht Chicago, wenn man nicht gleich zu Beginn alles auffahren würde: Nach den ersten leicht ansteigenden Metern ging es hinunter in einen Tunnel. Disco-Lichter, DJ, Musik und Party-Stimmung – die Veranstalter gaben wirklich alles, um einen möglichst schnellen Start zu provozieren. GPS? Im Tunnel natürlich kaum vorhanden. Das Gefühl, viel zu schnell loszulaufen? Dafür umso präsenter.
Draußen ging die Party weiter. Die Zuschauer standen teilweise in fünf, sechs oder noch mehr Reihen am Straßenrand und feuerten uns an. Die Hochhäuser machten dem GPS weiterhin das Leben schwer, aber mein Körper meldete sich schon früh mit einer anderen Information: Das wird heute kein Selbstläufer.
Die Beine fühlten sich schwer an, der Rhythmus wollte sich nicht richtig einstellen. Und dann war da noch das Wetter. Schon zum Start lagen die Temperaturen bei 16 bis 17 Grad – für einen Herbstmarathon alles andere als ideal. Es sollte noch deutlich wärmer werden.
Halbmarathon: Der Fünfer-Schnitt wird zum Wunschtraum
Die Strecke führte zunächst auf breiten Straßen Richtung Norden, teilweise entlang des Lake Michigan. Ein Stück kannte ich bereits von früheren Besuchen. Am nördlichsten Punkt drehte die Route wieder Richtung Innenstadt.
Spätestens auf diesem Abschnitt wurde mir klar, dass ein lockeres Durchcruisen im Fünfer-Schnitt heute ein echter Kampf werden würde. Am Halbmarathon, bei mittlerweile deutlich über 20 Grad, war die Marschroute endgültig klar: Nicht mehr auf die Wunschzeit schauen, sondern den Marathon so gut wie möglich genießen und irgendwie ins Ziel bringen.
Leichter gesagt als getan. Die Beine wurden immer schwerer, und auch der Kopf musste zunehmend Überzeugungsarbeit leisten.
Ein kleiner Schwachpunkt waren für mich zudem die Verpflegungsstationen. Alle zweieinhalb bis drei Kilometer gab es zwar Wasser, diesmal gefiltert und damit erfreulich wenig chlorig. Was allerdings fehlte, waren relevante Mengen an Mineralien. Auch das angebotene Gatorade lieferte davon nur wenig. Trotz zusätzlicher Salztabletten machte sich das bei den Temperaturen zunehmend bemerkbar.
Eiswasser, Cola und der Kampf gegen die schweren Beine
Ein echtes Highlight wartete bei Kilometer 30: Schwämme mit Eiswasser! Diese Abkühlung war Gold wert. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie neu geboren und konnte tatsächlich noch einmal zwei bis drei Kilometer etwas flotter laufen.
Doch der Effekt hielt nicht lange an. Es folgten einige der härtesten Kilometer des Rennens. Schwere Beine, müder Kopf und die Erkenntnis, dass weder eine Bestzeit noch eine andere wirklich starke Zielzeit heute noch drin sein würden. Auch die Motivation, sich bis zum Äußersten zu quälen, verabschiedete sich langsam. An der einen oder anderen Verpflegungsstation wurde deshalb auch mal gegangen. Man muss schließlich ehrlich zu sich selbst sein.
Auf dem Weg zum südlichsten Wendepunkt ging es noch einmal quer durch die Stadt. Dort hatten sich auf dem Grünstreifen in der Straßenmitte zahlreiche Laufclubs und Reiseveranstalter versammelt. Musik, Anfeuerungsrufe und jede Menge Energie – die Stimmung war schlichtweg überragend.
Bei einem der Running Clubs gelang mir dann ein kleiner Coup: eine Cola! Genau das, was ich in diesem Moment brauchte. Der Zucker gab mir noch einmal einen Schub für die letzten fünf Kilometer. Und so ging es Schritt für Schritt weiter Richtung Ziel.

Finisher ist Finisher!
Die Zielzeit? Letztendlich egal. Ich blieb unter vier Stunden, auch wenn das Ergebnis weit hinter meinen ursprünglichen Vorstellungen lag. Bei inzwischen geschätzt 27 bis 28 Grad im Zielbereich war ich vor allem froh, es geschafft zu haben. Ein leichter Sonnenbrand gehörte ebenfalls zur Erinnerung an diesen warmen Marathontag.
Über die restliche Finisher-Verpflegung breiten wir lieber den Mantel des Schweigens. Da sind wir Triathleten von unseren Veranstaltungen vielleicht ein wenig verwöhnt. Immerhin gab es ein Finisher-Bier, die Medaille und jede Menge positive Vibes. Die amerikanische Begeisterung entlang und nach dem Rennen ist einfach ansteckend!
Und dann war er da: der dritte Stern! Ein weiteres großes Marathon-Major erfolgreich gefinisht – und damit ein weiterer Meilenstein in meiner persönlichen Laufgeschichte.
Chicago, du hast geliefert!
War es der Marathon, den ich mir zeitlich erhofft hatte? Definitiv nicht. Habe ich mein Potenzial an diesem Tag ausgeschöpft? Vermutlich ebenfalls nicht. Aber genau das gehört zum Marathon dazu: Man kann noch so viel planen, trainieren und sich Ziele setzen – am Renntag spielen eben auch die Bedingungen und die Tagesform mit.
Was bleibt, ist ein großartiges Lauferlebnis in einer Stadt, die mich schon lange begeistert. Eine fantastische Strecke, begeisterte Zuschauer und eine Stimmung, die selbst dann noch trägt, wenn die Beine längst streiken.
Chicago hat geliefert. Ich diesmal nicht ganz. Aber gefinisht ist gefinisht – und der dritte Stern ist im Sack!
Eine klare Empfehlung für alle Marathonfans. Und wer weiß: Vielleicht komme ich noch einmal zurück. Dann hoffentlich mit kühleren Temperaturen, besseren Beinen und einem etwas schnelleren Tag auf den Straßen der Windy City.

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